| Faust in Bad Hersfeld II |
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Goethes Faust in Bad Hersfeld II - 57. Bad Hersfelder Festspiele, Eindrücke vom letzten Faust-Abend der Spielzeit 2007.S.F., 5.8.2007 Es ist ein ungewöhnlich kalter Sommerabend in der ehrwürdigen Stiftsruine in Bad Hersfeld und der Darsteller des Faust (Martin Reinke) muss sich einen Ruck geben, um die letzte Aufführung der Spielzeit zu beginnen. Gleich zu Anfang wird die traditionelle Erwartung der älteren Zuschauer enttäuscht, die Gustav Gründgens noch 'persönlich' kannten und Faust als einen beinahe überirdischen Genius dargestellt sehen wollen.
In Bad Hersfeld 2007 baut sich der depressive Faust in der ersten Szene selbst ein Gefängnis auf und stellt sechs Baugitter zu einem Drahtwürfel zusammen, die ihm anschließend als windiges Zuhause dienen. Dass dieser gequält wirkende Gefangene Philosophie studiert haben soll, mag dem begeisterten Goethefan nicht so recht einleuchten, wenn der Anfangsmonolog des Faust ("Habe nun, ach...") beginnt. Schon bald jedoch erweist sich die Idee mit der Maschendrahtzelle als Basis einer interessanten Spielvariante: Faust scheint im Dialog mit Mephisto (Rufus Beck) von innen in die Oberseite des Käfigs eingehakt, an die Füße des Teufels geheftet, während der Herrscher des Bösen hoch über ihm steht und triumphiert. Wer nach dem Drahtgefängnis-Schock am Anfang des Theaterabends eine schwerblütige und ambitioniert politische Inszenierung von Goethes Faust befürchtet hatte, sieht sich schon bald sehr angenehm enttäuscht: Die Hersfelder Inszenierung 2006 / 2007 (Regie: Torsten Fischer) ist schampusleicht, witzig, elegant, sehr unterhaltsam und dabei keineswegs oberflächlich geraten. Wenn Mephisto auftritt, hat sein genialer Darsteller (Rufus Beck) bereits eine sportliche Glanzleistung erbracht: Er robbt, er kriecht, einen Pudel markierend, auf allen Vieren und in einem schneckenförmigen Kurs über die mittlere Bühne und scheint dabei über zehn Minuten nur die Finger- und Zehenspitzen zu benutzen. Endlich bei Faust angelangt, sitzt er ihm am Boden gegenüber und die beiden scheinen sich schon zu kennen, bevor das Gespräch beginnt. Zuvor fehlt das "Vorspiel auf dem Theater", aber der Prolog im Himmel ist von den "Engeln" so vielfarbig, multisprachlich und lebendig vorgetragen, dass der Zuschauer den Verzicht auf die klugen Anmerkungen des in Goethes Drama vorgesehenen Theaterdirektors leicht ertragen kann. Ein sehr junger Gott, ein kluger Teufel und ein durchaus wandlungsfähiger Faust - sie machen den kühlen Bad Hersfelder Theaterabend zu einem eindrucksvollen Erlebnis, in dem nicht zuletzt der geniale Bühnentext J.W.Goethes so frisch gesprochen und verwendet ist, dass im Publikum spontan gelacht wird und Beifall aufkommt. Sehr überzeugend ist auch die Darstellung des Famulus Wagner (Nino Sandow) , der in der Hersfelder Inszenierung einen bildungsambitionierten Diplom-Biochemiker vorstellen könnte, der im Beruf ohne Skrupel das menschliche Genom manipuliert und sich in der Freizeit zusätzlich - und nur zur Ablenkung - ein wenig für Philosophie und Werte interessieren möchte. Faust (Reinke) und Mephisto (Beck) verstehen sich unter der Bad Hersfelder Regie von Torsten Fischer 2006/2007 im ersten Teil von Goethes Faust I so gut, dass Gretchens Auftritt und die nachfolgenden Szenen beinahe überflüssig erscheinen. Nach einer zauberhaften Hexenküchenszene mit hervorragenden Chor- und Einzelleistungen jedoch ist Gretchen (Anna Franziska Snra) plötzlich da. Faust, zum hektischen Lebemann und Dandy gewandelt, managt nun beinahe herzlos seine kleine Liebe und gibt keine Ruhe, bis die attraktive junge Frau endlich erfolgreich verführt ist. Auch der Darsteller des Faust (Martin Reinke) verändert noch einmal die Haltung der Hauptfigur: Faust nimmt nach dem erfolglosen und beinahe zärtlich vorgetragenen Versuch, Gretchen aus seinem Kerker zu befreien, wehmütigen Abschied von der spät empfundenen Liebe. Dann ist das Drama aus und der große und engagierte Schlussapplaus des Publikums - nicht zuletzt für das souveräne Spiel von Rufus Beck in der Rolle des Mephisto, die kluge Choreographie und die schöne Bühnenmusik von Konstantin Wecker - zeigt, dass die Inszenierung von Goethes Faust I 2006/2007 in Bad Hersfeld eine runde Sache und ein voller Erfolg war. (c) sfu-online 2007 |
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